
Gabor
Heute habe ICH, GABOR, mich
entschlossen, mal selbst einen Brief zu
schreiben. Ich bin jetzt ein Jahr in Erfurt
und dachte, ich erzähle mal, wie es
mir geht.
Ich hatte letztens selbst Post bekommen
und dachte jetzt schreibe ich mal auch einen
Brief.
Mir hatte die Tierklinik geschrieben und
die Gaby aufgefordert, mit mir zum Impfen
zu kommen. Wir hatten uns aber erinnert
und so war der Brief keine Überraschung
mehr. Am Freitag letzter Woche stand dann
die Transportkiste im Flur und ich bin sofort
freiwillig eingestiegen. Gaby meinte aber,
wir hätten noch eine Stunde Zeit und
ich könnte noch einmal raus kommen.
Nach 10 Minuten war mir langweilig und ich
kam wieder raus. Dann ging es irgendwann
tatsächlich los, ich stieg wieder freiwillig
ein, wir gingen nach unten und ich mußte
mich unserer Portiersfrau zeigen. Die meinte,
ich würde immer schöner werden
- sie hatte mich vor Monaten mal in der
Wohnung besucht, als ich noch klein war.
Dann verließen wir das Haus und liefen
zur Straßenbahn. Ich wollte von der
Außenwelt nichts sehen und kroch unter
das Kissen, es ist das Kissen, was ich von
Ihnen zum Auszug geschenkt bekam. Mich hat
bis zum Wartezimmer niemand mehr gesehen,
ich blieb in Deckung obwohl es sehr heiß
war. Die anderen Tiere und Menschen haben
mich in dem Moment nicht interessiert.
Da wir einen Termin hatten ging es im Wartezimmer
schnell und bald durfte ich auf dem Behandlungstisch
aus der Kiste steigen. Ich tat es freiwillig
und lief in die Arme der Helferin. Die sagte,
dass meine Rasse ihre Lieblingsrasse sei.
Sie freute sich eine solche Katze zu sehen,
beschrieb alle Vorzüge von uns, einschließlich
Fell, Größe und Ohrenpinsel und
sagte zum Schluß, es würden selten
so schöne Katzen als Patient kommen.
Während ihrer Rede streichelte sie
mich ununterbrochen und kuschelte mit mir.
Ich schaute sie mit großen grünen
Augen an und merkte nichts vom Fiebermessen,
Abhören und Impfen. Übrigens -
meine Zähne wurden auch gelobt. Nach
den freundlichen Worten mußte ich
in die Kiste geschoben werden. Diesmal wollte
ich nicht freiwillig gehen, weil ich wußte,
wir müssen in die Hitze zurück.
Ich habe mich wieder unter dem Kissen versteckt.
Wir haben die Rechnung bezahlt einschließlich
Wurmkuren, die uns Gaby nächste Woche
in den Nacken spritzt. Dann ging es nach
Hause. Als wir an der Haustüre ankamen,
stand der zweitliebste Mensch, Uta Gaby´s
Nachbarin, die auf uns aufpasst, wenn Gaby
mal verreist ist, da. Sie guckte in die
Kiste und rief ganz erschrocken "Gabor
ist weg, war die Klappe an der Kiste vielleicht
auf, ist er vielleicht rausgesprungen?".
Gaby hat sie dann beruhigt und geantwortet
dass ich mich versteckt hätte, die
Kiste wäre noch schwer genug.
Oben in der Wohnung habe ich mich dann 10
Minuten ausgeruht. Gaby hat mich bemuttert
und gedacht es ginge mir schlecht. Es war
nicht so, nach nur 10 Minuten habe ich mein
Hobby, Fliegen- und Insektenfangen wieder
aufgenommen.
Ich bin also gesund und munter, war nur
dreimal beim Tierarzt. Zuerst nach meiner
Ankunft mit der zweiten Impfung, dann im
Februar zum Kastrieren, was ich nicht gemerkt
habe und eben am Freitag.
Ich bin gewachsen, zuerst am Schwanz, der
wurde immer länger und war im April
im Gegensatz zum Körper riesig. Ein
Besucher war so verzückt und sagte
damals er hätte noch nie eine so schöne
Katze mit so langem Schwanz gesehen. Gaby
hat den Mann letztens gesehen und gesagt
jetzt wäre mein Schwanz nicht mehr
so lang. Er dachte man hätte mir was
abgeschnitten; Gaby lachte und sagte nein
jetzt wäre ich gewachsen. Besonders
dick sind meine Hinterbeine und Pfoten.
So kann ich besonders gut sitzen und manchmal
auch auf zwei Beinen stehen. Da die Hinterbeine
weiß sind, sehe ich aus wie der gestiefelte
Kater der Gebrüder Grimm, der sah auch
so wildfarben aus. Durch meine Farbe kann
ich mich richtig tarnen. Ich lege mich auf
den grünen Teppich, wie auf den Waldboden,
verstecke meine weißen Pfoten und
schon bin ich von oben nicht mehr zu sehen.
So werde ich öfters gesucht und gerufen,
ich melde mich aber nicht immer.
Trotzdem sagt Gaby dass ihr meine wilde
Farbe besonders gut gefällt, weil ich
wirklich noch so aussehe als käme ich
direkt aus dem Wald.
Ich wiege jetzt 5 kg, bin aber nicht dick,
mein Freund Moritz ist dicker und schwerer
als ich. Am liebsten fresse ich Trockenfutter.
Deswegen gibt es immer mal eine andere Sorte,
zur Zeit gern Purina One, denn da gibt es
immer auch Getreide- oder Reisanteile. Sonst
fressen wir Beutelchen von kittekat oder
auch mal andere Sorten. Weil Mikesch keine
Zähne mehr hat hatte er immer Beutel
bekommen. Da haben Moritz und ich die Büchsen
auch verschmäht und uns durchgesetzt,
so dass es nur noch Beutelchen gibt. Bei
der Wärme fressen wir sowieso nicht
so viel, da kann Gaby etwas sparen.
Bewegen tun wir uns im Moment auch wenig.
Wenn es kälter ist, dann toben wir
gern durch die Wohnung, jagen/spielen mit
uns und den Insekten, weniger mit Katzenspielzeug
- das ist nach kurzer Zeit uninteressant.
Ich liebe aber die Plüschtiere von
Gaby; da hole ich mir nachts einen Hasen,
schleppe ihn durch die Wohnung, verstecke
ihn so, dass niemand ihn findet und lege
ihn Tage später wieder im Schlafzimmer
auf die Türschwelle und tue so, als
wäre nichts gewesen. Mein Lieblingsplatz
ist der Balkonblumenkasten. Da kann ich
viel beobachten, besonders Tauben und Spatzen.
Ich robbe durch die Erde, für Blumen
bleibt kein Platz. Deshalb hat Gaby Fetthennegewächse
gepflanzt. Auf denen kann man sooo schön
liegen. Der Balkon liegt auf der Südseite.
Im Sommer bin ich morgens und abends draußen.Mein
Lieblingswetter ist aber in der kalten Zeit.
Dann bekomme ich wunderschönes Fell
und bin am liebsten im feuchten Nebel draußen.
Dazu muß ich noch sagen, dass mir
Wasser gut gefällt. Ich springe beim
Duschen gerne mal in die Wanne oder lege
mich danach in die feuchte Wanne unter die
tropfende Badematte. Vom Balkon komme ich
auch gerne mal naß ins Zimmer. Gewitter
im Sommer sind meine Leidenschaft.
Nun muß ich zum Schluß noch
eine große Schandtat beichten, denn
ich habe mich schon einmal in Lebensgefahr
begeben weil ich eben wild und neugierig
bin!
Zwei Tage vor der Katzenausstellung in Gotha
ist das gewesen, denn dann war Gaby so geschockt,
dass sie nicht nach Gotha gefahren ist,
was eigentlich geplant war.
Also im April war schon wärmeres Wetter
und wir durften auch nachts auf dem Balkon
rumstrolchen. Wir haben ja ein Netz und
eigentlich kann nichts passieren, so dachte
Gaby. Das Netz war schon 8 Jahre alt und
an den Seiten durch das Reiben an der Hauswand
geschädigt, was niemandem auffiel.
Nachts hatte ich gut geschlafen, habe wie
oft um 5.00 Uhr die Gaby zur Toilette begleitet,
dabei lecke ich gern ihre Füße
ab. Dann ging Gaby wieder ins Bett und ich
auf den Balkon, weil es langsam hell wurde.
Ich schlenderte auf dem Blumenkasten und
sah, wie so oft der Windmühle zu, die
zum Taubenerschrecken bei den Nachbarn (links)
auf dem Balkon sich drehte. Diese hatte
ich schon lange im Auge - also suchte ich
eine Möglichkeit hinzukommen. Da sah
ich ein kleines Loch zwischen Netz und Hausmauer,
wo sich das Netz abgerieben hatte. Die Menschen
hatten das noch nicht gesehen. Ich kletterte
auf den Nachbarbalkon und untersuchte alles.
Die Nachbarn wissen bis heute nicht, dass
ich dort war. Um 6.00 Uhr sah ich die Nachbarn
rechts von meinem Balkon auf ihren Balkon
treten. Weil ich gesellig bin, dachte ich,
ich laufe auf der Balkonbrüstung vor
dem Netz mal in die andere Richtung, dann
saß ich am rechten Balkonende und
schaute rüber zu den Leuten, konnte
aber nicht weiter, weil da ein 2 Meter Spalt
zum Nachbarn war. Wir wohnen ja 30 Meter
über dem Erdboden. Ich saß da
und war mir keiner Schuld bewußt!
Dann gingen die Nachbarn aber in ihr Zimmer,
ich drehte mich und machte es mir vor dem
Netz gemütlich.
Auf einmal kam Gaby leichenblaß zusammen
mit der Nachbarsfrau auf den Balkon. Die
beiden Frauen standen hinter dem Netz und
ich saß davor und kein Loch in der
Nähe!
Gaby war von der Nachbarin aus dem Bett
geklingelt worden mit dem Satz "Ihre
schöne Katze läuft vor dem Netz
auf der Brüstung herum und wäre
am liebsten auf unseren Balkon gesprungen".
Diesen Satz wird Gaby nie vergessen; das
hat sie zu mir gesagt. Da die beiden Frauen
kein Loch sehen konnten, haben sie ein kleines
Loch in das Netz geschnitten, Gaby hat mich
am Genick gepackt und sofort ins Wohnzimmer
gesetzt. Abends nach der Arbeit wurde das
Netz untersucht und notdürftig geflickt.
Die Nachbarin bekam als rettender Engel
eine Flasche Rotwein geschenkt und ich darf
seitdem nicht mehr unbeobachtet auf den
Balkon. Nachts ist jetzt die Tür zu
trotz des neuen Netzes, was wir bekommen
haben. Na ja ich kann nicht garantieren
auf was für dumme Einfälle ich
noch kommen werde. Ich sehe immer eine weiße
Katze im Nachbarhaus, die läuft in
der 16. Etage frei auf dem Balkon herum;
bei meinen Jagdanfällen für Insekten
wäre ich schon längst runtergestürzt,
wahrscheinlich hätte ich nur das Gleichgewicht
verloren.
Also, die Kastration hat meiner Wildheit
nicht geschadet. Ich kann nur ruhiger werden,
aber das will Gaby ja gar nicht!
Tschüß, ich muß jetzt
eine Lieblingsspeise fressen, ein rohes
Hühnerherz, das gibt es nämlich
nur selten und es ist auch das einzige Mal
dass ich alle Anderen weggknurre, ganz leise
aber intensiv!
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